Lieferketten-Transparenz verstehen — was eine Fabrikliste sagt und wo sie aufhört
Fast jede veröffentlichte Lieferantenliste endet bei der Näherei. Wo Garn gesponnen und Baumwolle angebaut wird, bleibt meist offen.
Drei Stufen, und die meisten Listen zeigen eine
Eine Fabrikliste ist die aussagekräftigste Angabe, die eine Modemarke über ihre Produktion machen kann — aussagekräftiger als jedes Siegel, weil sie Orte nennt, die sich prüfen, besuchen und widerlegen lassen. Nur reicht sie fast nie so weit, wie der Begriff vermuten lässt.
Üblich ist die Einteilung in Stufen. Tier 1 ist die Näherei, in der das fertige Kleidungsstück entsteht. Tier 2 sind Spinnereien, Webereien, Strickereien und Färbereien — dort wird aus Faser Stoff. Tier 3 ist der Rohstoff selbst: das Baumwollfeld, die Schafherde, die Kunstfaseranlage.
„Wir veröffentlichen unsere Lieferanten" bedeutet fast immer: die letzte Station vor dem Karton.
Was unsere eigene Stichprobe zeigt
Von den Häusern, die wir geprüft haben, veröffentlichen elf Marken eine Fabrikliste — sie gehören zu drei Konzernen. Die H&M Group nennt Fabrikname, Adresse und Produktart. PVH nennt zusätzlich die Beschäftigtenzahl. Beide bleiben bei Tier 1.
Fast Retailing geht als einziger Konzern unserer Stichprobe eine Stufe weiter und listet auch Tier-2-Partner, also Spinnereien und Webereien. Bemerkenswert ist dabei weniger die Liste selbst als ihre Reichweite: Sie gilt für die günstigste Konzernmarke ebenso wie für die teuerste.
Und die genaueste Angabe unserer Stichprobe kommt von keinem dieser drei. Trigema benennt drei eigene Werke mit Ortsnamen, weil das Unternehmen selbst näht — bei einem Betrieb, der seine Nähereien besitzt, ist die Frage nach der Lieferkette eine andere.
Warum die Stufe über den Nutzen entscheidet
Wer wissen will, unter welchen Bedingungen genäht wurde, kommt mit einer Tier-1-Liste weit. Wer wissen will, woher die Baumwolle stammt oder wie der Stoff gefärbt wurde, kommt damit gar nicht weiter — dort liegen die wasser- und chemieintensiven Schritte, und dort ist die Kette am unübersichtlichsten.
Deshalb reicht die Frage „veröffentlicht die Marke eine Liste?" nicht. Die zweite Frage lautet: bis wohin?
Wo man selbst nachsehen kann
Wir nennen bei jeder Marke, die eine Liste führt, den Direktlink im Transparenz-Block des Porträts. Wer breiter vergleichen will, findet bei Fashion Revolution eine jährliche Erhebung darüber, welche Häuser was offenlegen. Deren Bewertungen geben wir nicht wieder — sie stammen aus einer eigenen Methodik und gehören dorthin, wo sie entstanden sind.
Die drei Stufen einer Bekleidungs-Lieferkette
| Stufe | Was dort passiert | Wird veröffentlicht von |
|---|---|---|
| Tier 1 | Näherei — Zuschnitt und Konfektion des fertigen Kleidungsstücks | Den meisten Häusern, die überhaupt eine Liste führen |
| Tier 2 | Spinnerei, Weberei, Strickerei, Färberei — aus Faser wird Stoff | In unserer Stichprobe von einem Konzern |
| Tier 3 | Rohstoff — Baumwollanbau, Wollgewinnung, Kunstfaserherstellung | Von keinem Haus unserer Stichprobe |
Bezogen auf die von uns geprüften Marken, Stand 28. Juli 2026. Kein Anspruch auf Vollständigkeit über den Markt.
Häufige Fragen
Was ist Tier 1?
Die Näherei, in der das fertige Kleidungsstück zugeschnitten und genäht wird. Fast alle veröffentlichten Lieferantenlisten decken diese Stufe ab — und meist nur sie.
Warum ist Tier 2 wichtig?
Dort wird aus Faser Stoff: gesponnen, gewebt, gefärbt. Das sind die wasser- und chemieintensiven Schritte. Wer nur Tier 1 offenlegt, sagt über sie nichts.
Legt irgendeine Marke Tier 3 offen?
In unserer Stichprobe keine. Wo die Baumwolle angebaut oder die Wolle gewonnen wurde, konnten wir bei keinem der geprüften Häuser nachlesen.
Ist eine Fabrikliste besser als ein Siegel?
Für die Frage nach der Produktion ja, weil sie Orte nennt, die sich prüfen und widerlegen lassen. Für Chemie oder Faserherkunft sagt sie dagegen wenig — dafür sind Siegel gedacht.