Siegel erklärt — was GOTS, OEKO-TEX und Fair Wear wirklich prüfen
Jedes Siegel prüft etwas anderes, und keines prüft alles. Die wichtigste Spalte dieser Tabelle ist deshalb nicht, was geprüft wird, sondern was nicht.
Ein Siegel ist eine Antwort auf eine bestimmte Frage
Siegel wirken wie ein allgemeines Gütezeichen, sind aber Antworten auf jeweils eine eng gefasste Frage. Wer das nicht weiß, liest in ein Etikett etwas hinein, das nicht darin steht.
Das häufigste Missverständnis betrifft OEKO-TEX. Der STANDARD 100 prüft das fertige Textil auf Schadstoffe — Farbstoffe, Weichmacher, Schwermetalle. Über die Arbeitsbedingungen in der Näherei sagt er nichts, und über die Herkunft der Faser ebenfalls nicht. Ein schadstoffgeprüftes T-Shirt kann unter jeder denkbaren Bedingung genäht worden sein.
Kein Siegel deckt Material, Chemie und Arbeitsbedingungen zugleich ab. Wer alles drei wissen will, braucht mehrere — oder eine Marke, die es selbst offenlegt.
Warum die Schwelle zählt
Mehrere Siegel arbeiten mit Prozentschwellen, und die stehen selten auf dem Etikett. Beim Global Recycled Standard etwa lassen sich Produkte ab einem Rezyklat-Anteil von 20 Prozent zertifizieren, das Logo am Produkt darf aber erst ab 50 Prozent geführt werden. „GRS-zertifiziert" und „trägt das GRS-Logo" sind also zwei verschiedene Aussagen.
Bei GOTS entscheidet die Schwelle über die Bezeichnung: Ab 95 Prozent zertifizierter Bio-Fasern darf ein Produkt „biologisch" heißen, ab 70 Prozent nur „hergestellt aus biologischen Fasern". Zwei Formulierungen, die sich fast gleich lesen und einen Unterschied von einem Viertel des Materials bedeuten.
Was ein Siegel nicht ersetzt
Auf dieser Seite steht die Beleglage im Mittelpunkt, nicht das Etikett. Ein Siegel ist ein Beleg von außen — nützlich, aber immer schmaler als das, was eine Marke selbst offenlegen könnte. Eine veröffentlichte Fabrikliste mit Namen und Adressen sagt über die Produktion mehr aus als jedes Logo, weil sie prüfbar, besuchbar und widerlegbar ist.
Deshalb führen wir Zertifizierungen in den Porträts als Fakten mit Quelle und Lesedatum — und nicht als Punkte in einer Bewertung. Zertifikate laufen ab; ein undatierter Nachweis ist wertlos.
Was die gängigen Siegel prüfen — und was ausdrücklich nicht
| Siegel | Prüft | Prüft NICHT | Herausgeber |
|---|---|---|---|
| GOTS | Anteil zertifizierter Bio-Fasern, dazu Chemie in der Verarbeitung und soziale Mindestkriterien entlang der Kette | Ob das Kleidungsstück haltbar ist; Arbeitsbedingungen außerhalb der zertifizierten Betriebe | Global Standard gGmbH |
| OEKO-TEX STANDARD 100 | Schadstoffe im fertigen Textil, Bauteil für Bauteil bis zu Knöpfen und Nähgarn | Arbeitsbedingungen, Faserherkunft, Bio-Anteil, Haltbarkeit | OEKO-TEX |
| Fair Wear Foundation | Arbeitsbedingungen in den Nähereien der Mitglieder, mit Audits und Beschwerdeweg | Material, Chemie, vorgelagerte Stufen wie Spinnereien | Fair Wear Foundation |
| B Corp | Das gesamte Unternehmen — Umwelt, Beschäftigte, Lieferkette, Unternehmensführung | Einzelne Produkte; ein B-Corp-Unternehmen kann auch nicht zertifizierte Ware führen | B Lab |
| GRS | Rezyklat-Anteil samt Nachweiskette, dazu soziale und Umweltkriterien der Betriebe | Ob das Rezyklat besser ist als Neuware; Haltbarkeit | Textile Exchange |
Angaben der Standardgeber, gelesen am 28. Juli 2026. Siegel ändern ihre Kriterien — im Zweifel gilt die verlinkte Fassung, nicht diese Tabelle.
Häufige Fragen
Bedeutet OEKO-TEX faire Arbeitsbedingungen?
Nein. Der STANDARD 100 prüft das fertige Textil auf Schadstoffe. Über die Arbeitsbedingungen in der Näherei sagt er nichts — dafür wäre etwa die Fair Wear Foundation zuständig.
Ist GOTS gleich hundert Prozent Bio?
Nein. Ab 95 Prozent zertifizierter Bio-Fasern darf ein Produkt „biologisch" heißen, ab 70 Prozent nur „hergestellt aus biologischen Fasern". Die beiden Formulierungen lesen sich ähnlich und bedeuten einen Unterschied von einem Viertel des Materials.
Was heißt GRS-zertifiziert?
Zertifizieren lassen sich Produkte ab 20 Prozent Rezyklat; das GRS-Logo am Produkt setzt 50 Prozent voraus. „Zertifiziert" und „trägt das Logo" sind deshalb zwei verschiedene Aussagen.
Welches Siegel ist das beste?
Diese Frage lässt sich nicht beantworten, weil die Siegel Verschiedenes prüfen. Sinnvoller ist zu fragen, was man wissen will — Chemie, Faserherkunft oder Arbeitsbedingungen — und dann das passende zu suchen.
Ersetzt ein Siegel eine Fabrikliste?
Nein. Eine veröffentlichte Liste mit Fabriknamen und Adressen sagt über die Produktion mehr aus, weil sie prüfbar, besuchbar und widerlegbar ist. Ein Logo ist ein Nachweis von außen und immer schmaler.